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ENTGRENZUNGEN (1. Teil)

Pia Littmann

 

Grenzen sind immer da. Doch sie verändern ihre Reichweite, ihre Gestalt und womöglich auch ihre Bedeutung. Wo wir uns heute mit sehr viel subtileren und sinnlich schwer wahrnehmbaren medialen Entgrenzungen konfrontiert sehen, erscheinen uns materielle Grenzen in ihrer Eindeutigkeit geradezu altmodisch. Nicht so in den Aufnahmen von Jonathan Göpfert.

 

 

BorderPink“, „BorderYellow“ und „BorderGreen“ gehören zu einer mehrteiligen Reihe aufgegebener EU-Innengrenzen, die der junge Fotokünstler für die 2015 abgeschlossene Arbeit „No Border No Nation“ aufgenommen hat. Das war genau die Zeit, in der die Flüchtlingskrise begann, in deren Folge auch zum Teil lange stillgelegte Innengrenzen der EU reaktiviert wurden. Dennoch geben uns die verlassenen Posten, so wie wir sie hier in den Aufnahmen sehen, das positive Gefühl überwundener politischer und räumlicher Grenzen. Oder gefallen sie uns auch, weil sie Schutz und Sicherheit verheißen?

 

Göpferts Grenzen sprechen uns durch ihre eigentümliche Ästhetik an. Die – unschwer erkennbaren –  Bildbearbeitungen haben dabei auch zur Folge, dass die Grenzen weniger in ihrer scheidenden Funktion wahrgenommen werden. Durch Tilgung oder Verfremdung zum Beispiel der Vegetation wird ihre territoriale Verortung verunklärt oder unmöglich gemacht. Wir betrachten die Grenze somit vor allem als solche selbst.

 

 

 

 

In „BorderPink“ zeigt die originale Aufnahme eine – deutliche Altersspuren aufweisende – Grenzanlage, die von hohen Bäumen und Sträuchern umringt ist. In dem bearbeiteten Bild wird das Grün zu einer Hecke eingedampft, witterungsbedingte Unebenheiten des Himmels zu einem einheitlichen, hellrosa Hintergrund verrechnet. Und die Beleuchtungsanlagen werden vermehrt.

 

Die Bearbeitungen zielen darauf ab, Funktion und Gestalt der Grenzposten zu betonen, wobei sie aber nur das verstärken oder minimieren, was schon da ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Intensivierung der Farben. Grenzen zeichnen sich in der Regel nicht gerade durch Farbigkeit geschweige denn durch besondere Buntfarbigkeit aus.

 

Hier ist es aber so. Die im Komplementärkontrast von Rot und Grün erstrahlende Anlage wird durch ein harmonisches Zusammenspiel gerader und gekrümmter Linien charakterisiert; ein Merkmal, das auch das erweiterte, entsprechend nachbearbeitete Areal kennzeichnet. Von vorne erinnert die Anlage mit ihren breiten Überdachungen an die mächtigen Schwingen eines Greifvogels, der just im Begriff ist, sich niederzulassen.

 

Geometrisch klar strukturiert, nachvollziehbar und nahbar ( Vogel Greif-Assoziation) sind diese Grenzen – selbst und gerade aufgrund der Retuschen. Weder nahbar noch überhaupt in diesem Sinne sichtbar sind die neuen, die medialen Entgrenzungen. Doch wie grenzenlos stellt sich die weite Welt in den eigenen vier Wänden tatsächlich dar? Welche Formen der Abgrenzung und Unterscheidung fördert seinerseits das Internet – als Fenster in die Welt?

Mehr dazu in ENTGRENZUNGEN Teil 2.

 

© Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Jonathan Göpfert

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