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„Frauen malen nicht so gut“ … oder doch?

Iris Haist

 

Georg Baselitz (*1938) äußerte in einem Spiegel-Interview von 2013 folgendes über Frauen in der Kunst: „Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt. Es gibt natürlich Ausnahmen. Agnes Martin oder aus der Geschichte Paula Modersohn-Becker. Immer wenn ich ein Bild von ihr sehe, bin ich glücklich. Aber auch sie ist kein Picasso, kein Modigliani, auch kein Gauguin.“ Dass dies indes eher wieder eine Möglichkeit war, zu provozieren, und nicht völlig ernst gemeint war, merkt man, wenn man weiterliest. Als die Sprache auf Marina Abramović kommt, sagt er nämlich: „Sie hat Talent, wie viele Frauen übrigens. Das alles braucht ein Maler nicht. Man hat besser nichts davon.“

 

Pietro Bracci, Fortitudo, Grabmal von Giuseppe Renato Imperiali, S.Agostino, Rom, Foto: Iris Haist

 

Was allerdings tatsächlich Fakt ist, ist die Tatsache, dass es Künstlerinnen auf dem Kunstmarkt noch immer schwerer haben als ihre männlichen Kollegen. Obwohl durchschnittlich mehr Frauen als Männer ein Kunststudium abschließen, stammt einer Studie des Deutschen Kulturrates von 2016 zufolge noch immer nur jedes dritte Kunstwerk, das die Museen erwerben, von einer Frau. Der Gender Pay Gap liegt laut der Studio "Studio Berlin II" des IFSE bundesweit bei 21%, konkret in Berlin sogar bei 28%. Während Künstler durchschnittlich 11.600 Euro im Jahr verdienen, was auch nicht gerade üppig ist, sind es bei ihren Kolleginnen nur etwa 8.400 Euro. In den deutschen Galerien sind nur etwa 25 Prozent der ausgestellten Künstler_Innen weiblich, 75 Prozent männlich.

 

Als ich derartige Zahlen vor etwa einem Jahr in einem Vortrag referierte, meldete sich überraschend eine ehemalige Museumsdirektorin zu Wort, die diese Situation tatsächlich verteidigte. Ihr zufolge gingen die Künstlerinnen eben irgendwann in "Mütterteilzeit", wodurch ihr Marktwert beträchtlich falle. Bei Männern könne man sich seiner Investition sicherer sein. So lange sich derartige Stimmen Gehör verschaffen können, sieht es düster aus mit der Gleichberechtigung. 

 

Spätestens im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert setzen sich zahlreiche Künstlerinnen durch. Die Kunstwerke unterscheiden sich kaum noch von denen der männlichen Kollegen. Und doch nennt man oft zuerst Auguste Rodin vor Camille Claudel, Wassily Kandinsky vor Gabriele Münter und Alexej Jawlenski vor Marianne von Werefkin. Viele Künstlerinnen wurden im Laufe der lange von Männern dominierten Kunstgeschichtsschreibung vergessen und müssen heutzutage „neu entdeckt“ werden. Immerhin geht es damit spätestens seit diesem Jahr voran. Ein sehr positives Beispiel war meiner Meinung nach die Ausstellung „Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“, die bis Mitte März im Städel in Frankfurt zu sehen war.

 

Seit einigen Jahren präsentieren tatsächlich viele Museen vermehrt Kunstwerke von Künstlerinnen aus ihrem Bestand innerhalb von Dauer- und Sonderausstellungen. Die Tate Britain in London zeigt zum Beispiel in diesem Jahr im Bereich Kunst nach 1960 ausnahmslos Werke von Frauen. Ob diese fundamentale Separierung jedoch tatsächlich zielführend ist, wird sich wohl erst im Laufe der Zeit zeigen. Sinnvoller scheint mir da der Ansatz des Museums der Bildenden Künste in Leipzig, das es sich seit 2017 zum Ziel gemacht hat, ein ausgewogenes Genderverhältnis in ihrer Künstler_Innen-Auswahl zu erreichen. In die Liste der erfolgreichsten Künstler_Innen haben es bisher trotzdem nur wenige Frauen geschafft. Sie sind zwar erfolgreicher als in den Jahren zuvor, aber noch nicht so erfolgreich wie die Männer im Geschäft.

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Kommentare: 1
  • #1

    Stefan Seider (Donnerstag, 27 Juni 2019 00:06)

    Natürlich ist rein in der Quantität die Zahl der Männer in der Kunst weit höher, was aber nicht nicht automatisch ein Rückschluss auf die künstlerische Qualität zulässt.
    Wenn man die Thematik auf das späte 19.Jahrhundert und das 20.21. Jahrhundert verkürzt, tut man den tausenden von künstlerisch tätigen Frauen in der Kunstgeschichte einen Bärendienst, denn nicht allein das Leben/Überleben eines Names ist ein Zeugnis einer künstlerischen qualitätsvollen Schaffens.
    Die durch Privatlehrer ausgebildeten Künstlerinnen als belächelte Hobby-Künstlerinnen abzutun, greift wirklich zu kurz. Die Werke sind oft erhalten, aber wissenschaftlich nicht ausreichend erfasst, weil hier Wissenschaft versagt hat.
    Gerade auch in der Mniaturmalerei waren Frauen schon im 17. und 18. Jahrhundert bedeutend und erfolgreich tätig.
    Maria Sybylla Merian hatte es mit ihrem Konterfei wenigstens auf den alten 500 DM Schein geschafft ! �

    Wissenschaft muss hier etwas weiter springen, um das Thema umfassender zu begreifen, denn nicht erst mit den ‚Malweibern‘ begann die ernsthafte und professionelle Arbeit von Frauen in der Kunst !