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Breaking the Horizon: „Moving Landscapes“ zu Gast auf Föhr

Pia Littmann

 

Über die seltsamen Objekte, die sich plötzlich frech in sein Sichtfeld schoben, hat er sich echauffiert, der Föhrer Radfahrer: Weg war sie, die Übersicht, futsch der freie Blick auf die vertraute Landschaft! Stein des Anstoßes: Arbeiten junger Künstler, die unter dem Titel „Moving Landscapes“ in diesem Sommer im Westen der Insel Föhr zu erleben sind.

 

                                                                                                                                                 Level, Bouke Groen, Foto: Heleen Haijtema

Entstanden sind die Installationen im Rahmen der Sense-of-Place-Initiative, die sich aus dem Oerol-Festival entwickelt hat. Bemerkenswert lange schon, nämlich seit 1982, wird dieses Kunstfest jeden Juni 10 Tage lang auf Terschelling veranstaltet. Die Insel ist eine der fünf Eilande vor Friesland im Norden der Niederlande. Terschelling und Föhr kooperieren heuer nicht nur im Bereich der Kunst, seit ehedem teilen sie sich auch das Wattenmeer.

 

Seitdem dieses 2009 zur UNESCO-Weltnaturerbe-Stätte erklärt wurde – heißt es packend formuliert auf den Seiten des Nationalparks Wattenmeer – stehe es „auf einer Stufe mit Naturwundern wie dem Grand Canyon“. Das Weltnaturerbe an der Westküste erstreckt sich von Skalligen bis nach Den Helder: kein spektakulärer Canyon, dafür ein hochsensibler, extrem dynamischer und rund 1.100 km² großer Lebensraum zwischen Land und Meer, der sich ständig verändert.

 

Einiges ändert sich nie: Schafe am Deich, ein typisches Bild im "Land der Horizonte", Foto: pl

Und den wir, man denke an den gereizten Radler, besonders mit Blick auf seine klaren Sichtachsen wahrnehmen, seine viel beschworenen Horizonte und ja, diesen gewissen Eindruck von Unendlichkeit, der den überwältigt, der in der rechten Stimmung ist. Doch vor der Unendlichkeit betrachtet bleibt im Grunde alles gleich. Folglich bewirkt schon ein kleiner Eingriff, eine minimale Veränderung dieses Settings eine andere Wahrnehmung der Landschaft: Landscape moves! und appelliert dabei auch an unsere eigenen Bewegungen.

 

So wird das anfängliche Herumstolpern zwischen den hoch aufragenden Plexiglasstelen von Boeke Groens Level schnell zu einer gezielten Suche nach der perfekten Position, um die aus dem Boden heraus flüsternden Klänge zu vernehmen und einzuordnen (Foto oben). Draaiing des Künstlerinnenduos Hart van Veen – eine Reihe doppelter Stahlbögen mit integriertem Musikmechanismus direkt an der Godelniederung – verlangt uns noch mehr Körpereinsatz ab. Hier heißt es, sich mutig unter die tief in den Sand gedrückten Öffnungen zu legen und für einen Moment die Weite gegen die Enge einzutauschen.

 

Draaiing von Hart van Veen in Aktion, Foto: pl

Der Rücken knartscht auf Strandhafer und feinem Gestein, während wir die Spieluhr im Scheitelpunkt des Bogens drehen. Wie schnell, wie lange drehen? Erst ist es etwas beklemmend, doch dann freut man sich über die ungewohnte Platzierung und nimmt zur individuell rhythmisierten Musik auch den Klang des Wassers anders wahr. So variieren die Installationen vertraute Landschaftsklänge und -bilder und regen uns an, die Landschaft neu und anders wahrzunehmen.

 

rechts: Tumbling in Time, Sofie Doeland, Foto: Heleen Haijtema; links: Luw, Firma Kluit, Foto: Heleen Haijtema

 

 Auch bei Tumbling in Time von Sofie Doeland, bestehend aus drei großen, wirkungsvoll auf der Düne platzierten Trichtern und dem verspiegelten, fatamorganagleichen Kabinett Luw des Künstlerkollektivs Firma Kluit gerät die Landschaft durch verschachtelte Sichtrohre, Fenster oder Spiegel aus der Form. Der vertraute Blick auf den Horizont wird fragmentiert und facettiert, in eine Vielzahl von Details, neuen Bildern, möglichen oder unmöglichen Kombinationen gelenkt.

 

Landscape in Motion! Doch nicht mehr allzu lange: Die „Moving Landscapes“ bleiben nur noch bis Ende September auf der Insel, danach rückt alles wieder ins Lot und der Blick wird wieder frei. Also schaut sie Euch noch an, ihr Radfahrer und anderen, die neuen Perspektiven am Horizont!

 

 

Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Museum Kunst der Westküste veranstaltet, hier geht`s zur Seite: https://www.mkdw.de/de/ausstellung/moving-landscapes-installationen-im-freien

 

 

Fotos in der Slideshow von Yvonne Nössler

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