Faszination Fontana di Trevi oder Die Tücken des Bernini-Kults

Iris Haist

 

Der Trevi-Brunnen - oder wie der Italiener sagt: La Fontana di Trevi - ist eines der Highlights auf jeder Rom-Sightseeing-Tour. Jeder, der einmal in der Ewigen Stadt war, kennt den Brunnen, in dem schon Anita Eckberg in La Dolce Vita badender Weise Filmgeschichte schrieb. Man lässt sich davor fotografieren und wirft eine Münze ins Wasser, weil man dann der Legende zufolge immer wiederkommen wird - oder weil es Glück bringt, je nachdem wen man fragt. So weit, so gut. Doch was wusstest du bisher sonst noch darüber?

 

Na klar, Bernini...!

 

Ich habe zweieinhalb Jahre in Rom gelebt und bin deshalb natürlich auch hin und wieder an dieser Stelle vorbeigekommen - oder auch gezielt hingegangen, denn "mein" Bildhauer, über den ich promoviert habe, hat die Hauptgruppe des Trevi-Brunnens ausgeführt.

 

Wer jetzt denkt: Oh, sie hat über Bernini geschrieben!, der erliegt demselben Irrtum wie viele der münzenwerfenden Touristen und vermutlich auch ein Teil der Kunsthistoriker - und das nicht ganz zu Unrecht. Auch Gianlorenzo Bernini, den Arne Karsten in seinem sehr lesenswerten Buch den "Schöpfer des Barocken Rom" nennt, hatte einen Entwurf für diesen Brunnen eingereicht, der aber leider nie umgesetzt wurde. 

 

Die Architektur und die Skulpturen, die heute noch an Ort und Stelle bewundert werden können, entstanden allerdings erst über ein Jahrhundert später.


 

Man errichte mir eine Fassade!

 

Der ein oder andere Pilger schlägt einen Romreiseführer auf, um seine Bernini-Ahnung bestätigt zu bekommen und liest: "Der Trevibrunnen wurde von 1732 bis 1762 nach dem Entwurf Nicola Salvis errichtet, der aus einem von Papst Clemens XII. Corsini ausgeschriebenen Wettbewerb als Sieger hervorging." Genau. Das stimmt. Aber das ist noch lange nicht alles.

 

Zuallererst ist der Trevibrunnen kein freistehender Brunnen, wie etwa der berühmte Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona (der tatsächlich von Bernini ist!), sondern die Fassade des Palazzo Poli, in dem sich heute u.a. das Istituto Nazionale per la Grafica mit vielen bedeutenden Zeichnungen und Druckgrafiken mehrerer Jahrhunderte befindet. Man sieht es, wenn man nicht nur in den Gruppen vor dem Gebäude stehen bleibt, sondern auch ein Stück drum herum geht.

 

Geht man rechts am Becken entlang nach hinten, kann man sich herrlich ruhig zu einem Päuschen niederlassen - mit einem kleinen Brunnen mit Trinkwasser und einem wunderbaren Blick auf die Touristengruppen und die dauerambitionierten Verkäufer von lustigen, blinkenden und piepsenden Spielzeugen, die eigentlich niemand braucht.

 

 

Oceanos und die Schönen Künste

 

Aber nochmal zurück zum kunsthistorischen Teil: Nicola Salvi war als Architekt natürlich nicht der einzige Künstler, der an diesem Mega-Projekt mitgearbeitet hat. Die bekanntesten Bildhauer dieser Zeit waren daran beteiligt, u.a. Pietro Bracci, Giovanni Battista Maini, Filippo della Valle, Agostino Corsini, Bernardino Ludovisi, Francesco Queirolo und Bartolomeo Pincellotti. Es ist quasi ein who-is-who der spätbarocken Skulptur in Rom.

 

Die Hauptgruppe, also der Gott der Ozeane in der Mitte und die Tritonen mit den beiden Hippokanten, wurden von Giovanni Battista Maini entworfen. Wenn ihr jetzt denkt: Ah, über den hat sie also geschrieben!, muss ich schon wieder verneinen.

 

Maini konzipierte diese Gruppe, stellte lebensgroße Gipsplastiken an der heutigen Stelle auf, um ihre Wirkung zu überprüfen und starb vor der Umsetzung in Stein. Letztlich wurden diese Figuren von Pietro Bracci, einem der wichtigsten italienischen Bildhauer des 18. Jahrhunderts, ausgeführt. Und ja, der war für sechs Jahre der wichtigste Mann in meinem Leben.

 

Ich muss gestehen, dass ich das Anfangs auch nicht wusste - und noch mehr: Das erste mal, als ich vor diesem Brunnen stand, war mir völlig egal, wer das alles geschaffen hatte. Ich war einfach gefesselt von der klassischen Grazie der Architektur, von der Lebendigkeit des Wassers, das über die Felsen floss und auch diese zu bewegen schien und von der Leuchtkraft, die die weißen Skulpturen im Sonnenlicht entwickelten.

 

Hommage à Michelangelo

 

Das Schönste daran, wenn man sich länger mit einem Thema beschäftigt, ist, dass man Facetten an den Kunstwerken kennenlernt, die vorher noch wenigen oder noch niemandem aufgefallen sind. Eines dieser Details ist Braccis Signatur auf dem Band über seiner Brust. Seht ganz genau hin, dann könnt ihr sie sogar mit bloßem Auge vom Beckenrand aus erkennen.

 

Schaut man in der Kunstgeschichte zurück, so erinnert vor allem die Platzierung sehr an die eines der größten Kunstwerke der Bildhauerei: an die Pietà Michelangelos im Vatikan. Die Legende besagt, Michelangelo habe die Skulpturengruppe erst unsigniert belassen. Dann habe er zufällig einen Mann gehört, der einen anderen Künstler als Urheber nannte. Aus Schmerz darüber und aus Stolz habe er dann seinen Namen quer über ihre Brust gemeißelt.

 

Hat Bracci schon geahnt, dass jedes Jahr tausende von Touristen Bernini als Hauptkünstler benennen würden und wollte seine Unsterblichkeit damit bewahren? Oder war es tatsächlich eine Hommage an das große Vorbild aus der Renaissance? Fest steht jedenfalls, dass der Oceanos noch größer ist als Michelangelos David...

 


 

Jackpot für die Kunst

 

Bei so viel Material, Zeit und Genie musste es mit der Finanzierung schwierig werden. Schon damals - nicht erst seit Stuttgart 21 - wurden zuvor berechnete Budgets nicht eingehalten: Die Kosten vervielfachten sich. Eine Lösung musste her, die die päpstlichen Kassen nicht völlig zum Versiegen brachten - und diese kam mit der Einführung einer Lotterie durch Papst Benedikt XIV.

 

Bis heute werden übrigens viele der Gemälde und anderer Kunstgüter in den öffentlichen Museen aus LOTTO-Mitteln finanziert. Wenn ihr also mal wieder gespielt und verloren habt: Super! Es war für einen guten Zweck.

 

Es gäbe noch so viel über das Thema Trevibrunnen zu sagen, aber in einem relativ kurzen Blogbeitrag - auch wenn dieser hier schon fast etwas Überlänge hat - ist da einfach nicht mehr zu machen. Wer mehr wissen will, kann gerne einen Blick in meine Dissertation werfen: Den Link dazu gibt es unten.

 

 

Literaturempfehlung in eigener Sache:

 

Haist, Iris: "Opere fatte di scultura da Pietro Bracci" - Skulptur im Kontext des römischen Settecento. Dissertation, Bern, 2015:

http://www-zb.unibe.ch/download/eldiss/15haist_i.pdf

 

 

Verortung

Fontana di Trevi

 

Piazza di Trevi

00187 Roma

Italien

Inhalte von Google Maps werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf die Cookie-Richtlinie (Funktionell), um den Cookie-Richtlinien von Google Maps zuzustimmen und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in der Google Maps Datenschutzerklärung.

Impressionen

 

Alle Fotos in diesem Beitrag © Iris Haist

Kommentar schreiben

Kommentare: 0