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Ein Neapolitanischer Krimi: Maler für die Cappella di San Gennaro

Iris Haist

 

In einem Votum der Stadt Neapel vom 13.01.1527 stimmten die Vertreter der Stadtregierung für die Finanzierung zur Einrichtung einer neuen Kapelle im Dom – der Cappella di San Gennaro (Kapelle des Heiligen Januarius). Grund für diese Stiftung war die Befreiung der Stadt von den drei großen Plagen: dem Krieg zwischen Frankreich und Spanien (1526/27), der großen Pestepidemie und der durch den Vesuv verursachten Erdbeben.

Der Beginn der Arbeiten fiel in das Jahr 1605. Nach einer mehr als 40-jährigen Bauzeit konnte die Kapelle am 16.12.1646 endlich feierlich eingeweiht werden. An diesem Tag fand auch die Verlegung der Reliquien – insgesamt 54 Büsten und Statuen aus Silber – aus dem alten Domschatz statt.

 

 

Der Bau war kein leichtes Unterfangen, denn es herrschte ein brutaler Kampf um die Auftragsvergabe, hauptsächlich von Seiten der neapolitanischen Künstler gegen die „forestieri“ – die Italiener, die nicht aus der Stadt am Vesuv stammten. Die wenigsten der eingereisten Künstler hielten dem aggressiven Umfeld und dem steigenden Druck stand und verließen die Stadt teilweise schon vor Beginn – aber zumindest vor Beendigung – der in Auftrag gegebenen Arbeiten wieder.

 

Der Maler Giuseppe Cesari (15681640), auch Cavalier d’Arpino genannt, gab nach schlimmen Anfeindungen trotz schon geleisteter Zahlungen auf und verließ Neapel unverrichteter Dinge. Auch Guido Reni (15751642) flüchtete, nachdem einer seiner Mitarbeiter bei einer Messerstecherei tödlich verletzt wurde, und so auch der Bologneser Maler Francesco Gessi (15881649).

 

 

Domenico Zampieri (15811641), genannt Domenichino, entschied sich nach Erhalt eines Drohbriefes dafür, das Angebot für den lukrativen Auftrag, mehrere Fresken in der neu errichteten Cappella di San Gennaro anzufertigen, aus Sicherheitsgründen doch lieber abzulehnen. Er wurde jedoch durch langes Zureden der Abgeordneten überzeugt und bekam deren Schutz zugesichert. Einigermaßen beruhigt durch diese Zusagen reiste er an und begann zu arbeiten. Plötzlich floh er dann aber doch, weil er um sein Leben bangte. Er kam indes nicht weit: In Frascati konnten ihn die Abgeordneten ein weiteres Mal überzeugen und zur Rückkehr bewegen. Erst nach einer erneuten Flucht entstanden schließlich die noch heute erhaltenen Gemälde Das Treffen zwischen Christus und San Gennaro, San Gennaro besucht Timoteo, San Gennaro befreit Neapel von den Sarazenen, San Gennaro im Amphitheater von Pozzuoli. Im Jahr 1641 starb Domenichino während der Arbeit an einem neuen Fresko unter ungeklärten Umständen. Im Volk kursierte damals das nicht unwahrscheinliche Gerücht, er sei vergiftet worden. Manchmal sollte man vielleicht besser auf seinen Instinkt vertrauen und nicht den Politikern...

 

 

Für Domenichino übernahm schließlich Giovanni Lanfranco (15821647) aus Parma. Auch er hatte mit Drohungen und Anfeindungen zu kämpfen, überlebte den Auftrag jedoch immerhin. Die Maler, die in diesem Zeitraum ebenfalls in der Kapelle arbeiteten, waren Luca Giordano (16341705), Massimo Stanzione (15861656) und der spanischstämmige aber als Neapolitaner angesehene Giuseppe de Ribera (15911652). Luca Giordano, auch Luca „Fa Presto“ (Luca, mach schnell) genannt, war zu jung, um in die Vorfälle ernsthaft verwickelt gewesen zu sein und hauptsächlich als Lehrling in der Werkstatt seiner Familie tätig. Wie auch bei Hunden die kleinsten die giftigsten sein können, trifft das vermutlich in diesem Fall ebenfalls zu. Giuseppe de Ribera (15911652), genannt „lo Spagnoletto“ (der kleine Spanier) wird heute von vielen für den Verfasser sämtlicher Drohungen gehalten – wirklich sicher kann man das bisher jedoch noch nicht sagen.

 

So viel zu den gewaltsamen Vorfällen rund um die Ausmalung der Cappella di San Gennaro. Doch keine Angst: Heute kann man als Tourist sicher in diese wunderschöne Stadt reisen und sich die Sehenswürdigkeiten anschauen. Zu empfehlen ist es allemal. Für mich ist Neapel jedenfalls die schönste Stadt, die ich kenne, aus der ich noch häufiger berichten werde.

 

 

alle Fotos © Iris Haist

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