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Wonder Woman – Wie alles begann

Iris Haist

 

Die schwarzhaarige Superheldin in rot-blau-goldenen Dress und Lasso ist spätestens seit den 70er Jahren eine Ikone der weiblichen Kraft und Eigenständigkeit. Denn neben dem durchaus sexy gestalteten Outfit, das allerdings auch bei beinahe allen ihrer männlichen Kollegen ebenfalls zu finden ist, ist sie mit viel Intelligenz, Stärke und Einfühlungsvermögen ausgestattet. Doch wer ist sie eigentlich? Und woher kommt sie?

 

 

Im Jahr 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, erscheint die erste Ausgabe des Comics "Wonder Woman", der ursprünglich "Superbia" heißen sollte. Eine Amazonenprinzessin namens Diana entschließt sich aus Liebe zu einem amerikanischen Soldaten dazu, ihre sichere Heimat in einer Parallelwelt zu verlassen, um Ihren Angebeteten zu beschützen. Die Geschichte und die Figur stammen von einem Mann - eine Tatsache, die erst einmal überrascht.

William Moulton Marston (1893-1947) kreiert die Figur der Diana Prince alias Wonder Woman als eine Mischung aus seiner Ehefrau und Partnerin auf dem Feld der Psychologie, seiner ehemaligen Studentin, Assistentin und Geliebten Olive Byrne, Zeichnungen aus Sufragetten-Zeitschriften und Darstellungen von Bourlesquetänzerinnen. Eine durchaus abenteuerliche und ambivalente Mischung. Die innere Verbindung zwischen den Auswirkungen des goldenen Seils der Heldin, das den Gefesselten immer dazu zwingt, die Wahrheit zu sagen, und dem von Marston und seiner Frau entwickelten Verfahren für einen Lügendetektor, ist offensichtlich.

 Marston will sich als Feminist verstanden wissen. In seinem Artikel im "The American Scholar" schreibt Marston 1944: "'Wer möchte ein Mädchen sein?' Und das ist der Punkt; nicht einmal Mädchen wollen Mädchen sein, solange unsere weiblichen Archetypen Macht, Stärke und Kraft vermissen lassen... Die naheliegende Lösung ist es, einen weiblichen Charakter mit den Stärken von Superman und dem Reiz einer guten und schönen Frau zu schaffen."

Doch was genau ist für ihn eine "gute Frau"? Schauen wir uns einmal Szenen aus der ersten Ausgabe von "Wonder Woman" an:

 

 

Dianas Erschaffung ist im Comic ein künstlerischer Schaffensprozess. Hippolyta, die Königin und Anführerin der Amazonen erschafft einen idealen Zögling aus Ton. Die angebetete Mädchenplastik erwacht zum Leben, nachdem die Göttin Venus ihr, den Gebeten der Frauen folgend, den Lebensfunken schenkt. Hier mischen sich verschiedene mythologische und religiöse Ebenen. 

Neben dem im Comictext erwähnten Pygmalion, der seine angebetete Marmorskulptur so sehr liebt, dass Venus sie zu einer lebendigen Frau macht, finden sich hier auch andere Schöpfungsmythen. Das Formen von Menschen aus Lehm oder Ton findet sich, wenn man erst einmal im Kontext der antiken, hier der griechischen, Mythen bleibt, in den Erzählungen um den Gott Prometheus. Er formt den Menschen aus Lehm, haucht ihm Leben ein und gibt ihm seine Stärken und Schwächen. Doch auch in der Bibel ist zu lesen: "Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele" (1 Mose 2,7). Dass das künstlerische Produkt eines Elternteils zum Leben erwacht, kennen wir zudem aus der Kindergeschichte Pinocchio, die ursprünglich aus dem Jahr 1881/83 stammt.

 

 

In der weiteren Entwicklung des Mädchens zeigen sich enorme Stärke und Schnelligkeit. Der Text dazu verweist auf die Ähnlichkeit zur römischen Jagdgöttin Diana (griechisch Artemis), nach der die heranwachsende Kriegerin benannt wurde. Ikonografisch sind in den oben gezeigten Bildern aber auch Parallelen zum Leben und zu den Aufgaben des Herkules zu finden, der schon als Säugling zwei Riesenschlangen erwürgt. Später kann er nur durch extreme Schnelligkeit die Kerynitische Hirschkuh einfangen und so die dritte der "zwölf Arbeiten" vollbringen.

 

 

Eine "Stärke", der wir aus heutiger Sicht eher etwas skeptisch gegenüberstehen ist die Zurückhaltung. Als Diana den verletzten Soldaten ins Hospital bringt, nachdem sie alles, was sie bisher hatte und kannte, für ihn geopfert hat, verschwindet sie ohne große Heldenallüren und nur mit wenigen Worten. Das wäre Superman nicht passiert, so viel ist sicher. 

 

 

Doch diese Zurückhaltung geht bis zur Selbstverleugnung bzw. zum "Undercover-Einsatz" Dianas. Damit ihr Held (den sie gerade erst gerettet hat, was er auch erkennt und ihr vergelten möchte) nicht mit dem Wissen leben muss, dass er von einer Super-Frau beschützt wird, gibt sie sich erst als seine Krankenschwester, in späteren Folgen als seine Sekretärin aus. So kann sie immer in seiner Nähe sein und unerkannt, quasi als Schutzengel über ihn wachen.

Man beachte den zweiten Bildtext oben, in dem mitklingt, dass eine Frau in knappen Shorts auf jeden Fall schöner ist, als eine Krankenschwester mit Brille - eine Behauptung, der vermutlich nicht einmal oberflächliche Männer heutzutage zustimmen würden.

Zu den unzweifelhaften und zweifelhaften Tugenden gesellen sich allerdings auch "typisch weibliche" Charakterschwächen, die aber vom Autor als für junge Frauen übliche Merkmale eingestuft und deshalb nicht verurteilt werden:

 


 

Dass Diana zu ihren ganzen Stärken nun tatsächlich auch noch eitel ist, zumal auf einer Insel, wo jeder und alles perfekt ist, ist ein Bild, mit dem ich mich schwer abfinden kann. Sehr viel sympathischer ist da die filmische Variante von 2017 (Regie: Patty Jenkins), die eine Diana in einem unfreiwillig angelegten langen, feinen Kleid zeigt, das sie als zu unpraktisch zum Kämpfen befindet und das sie nicht schnell genug wieder ausziehen kann.

Damals war es die männliche Sicht des Autors, der dieses Bild zeichnete. Heute ist die Gesellschaft noch immer nicht am Ziel angekommen, wenn es eine erfolgreiche Kinokette fertig bringt, einen "Wonder-Woman-Männerabend" zu veranstalten, bei dem zu kühlem Bier Playboy-Magazine verteilt werden.

 

 

Und natürlich, Frau ist zudem naiv und eierstockgesteuert, das ist ja allgemein bekannt... Herkules wird von Hippolyta, der Mutter Dianas und Anführerin der Amazonen, im Zweikampf besiegt. Den Ausschlag dafür gibt der goldene Gürtel der Göttin Venus, der Hippolyta unbezwingbar und stärker als alle Männer macht.

Ähnliche kraftsteigernde oder schützende Geschenke kennt die griechische Mythologie vor allem für männliche Krieger. Das Bild des Gürtels ist indes keine Idee von Marston: Ein goldener Gürtel, besetzt mit wertvollen Edelsteinen, ist laut Homer das Geheimnis für Aphrodites (griechischer Name für Venus) Liebreiz und ihre Wirkung auf die Männer. Aphrodites Ehemann Hephaistos, Gott des Feuers und der Schmiedekunst, fertigt ihn und schenkt ihn seiner Herzensdame. Dieses zaubertätige Kleidungsstück kann temporär verliehen werden, wobei seine Kraft auf andere übergeht.

Im ersten Band von "Wonder Woman" lässt sich Hippolyta durch die "weiblichen Waffen" dazu verleiten, ihren Gürtel und damit die Quelle ihrer Kraft aus den Händen zu geben. Herkules gibt ihr Wein und schwächt sie durch falsche Komplimente und durch erotische Avancen. Verführung wird hier als eigentlich typisch weiblich eingestuft und dennoch von einem Mann gegen eine Frau eingesetzt. Dass die Amazone darauf eingeht, lässt sie zumindest in dieser Szene sehr naiv wirken. Erst durch ein erneutes Eingreifen der Göttin Venus kann das Blatt erneut gewendet werden.

 

 

Doch diese Stellen sind zu dieser Zeit, 1942!!!, eben noch kleine Zugeständnisse an die zartbesaiteten Nerven der männlich dominierten Gesellschaftsordnung. Nach und nach verschwinden diese auch unaufgefordert. Stärker bewertet werden sollten die ganzen Neuerungen: "Wonder Woman" ist der erste Comic mit einer weiblichen Titelheldin. Sie rettet den von Ihr auserwählten Mann - immer wieder - nicht umgekehrt. Zudem wird kein Zweifel an ihrer Stärke und Intelligenz gelassen.

Außerdem baut bzw. verbessert Diana eine Maschine, die Menschen heilen kann. In diesem speziellen Fall heilt sie nicht nur, sie erweckt den Soldaten wieder zum Leben.

Machen wir also das Unmögliche möglich!

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    F. (Dienstag, 10 April 2018 12:24)

    Vielen Dank für den interessanten und gut recherchierter Beitrag für die heutige Zeit, in der starke weibliche Charaktere in Kunst, Literatur und Filmwelt leider immer noch Mangelware sind.

  • #2

    Jens - Uwe (Mittwoch, 11 April 2018 20:18)

    Eine feine, kleine Kunstgeschichte.

  • #3

    Jens P. (Donnerstag, 28 Juni 2018 01:18)

    Hallo zusammen, ich mag Comics. Kürzlich habe ich ein Street Art Gemälde oder Pop Art Bild gesehen. Ein Pilot Rex Danny aus den 60er Jahren. Großes Format. Total Klasse! Ich mag solche Dinge. Das spricht mich an. Wonder Woman hat mich sehr daran erinnert. Spannender Bericht. Die Seite hab ich gleich mal gebookmarkt und freue mich auf neue Posts. Vielen Dank für die tollen Inspirationen.
    Gerade noch den Link rausgesucht:
    https://www.inspire-art.de/kuenstler/thomas-stephan/306/riesiges-comic-art-gemaelde-comic-held-pilot-rex-danny-grossformat?number=ART10300