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#SchlossGenuss auf italienische Art

Iris Haist

 

Ein Text für die Blogparade #SchlossGenuss des Schlösser und Gärten in Deutschland e.V.

 

Zwei Dinge liebe ich neben Kunst und Museen am meisten: Schlösser und Italien. Wen verwundert es also, dass das Florentiner Kabinett im Schloss Favorite bei Rastatt zu meinen kulturellen Highlights in Baden-Württemberg zählt? Ein Raum mit aufwendig bearbeiteten Scagliola-Fußboden mit eingelassenen Halbedelsteinen, 165 Miniaturbildnissen berühmter Künstler seit der Antike und 55 Commesso-Tafeln aus Pietre Dure – insgesamt 758 Bildtafeln verschiedenster Technik und Ikonographie – kann den Betrachter nur fesseln. Aber wie kommen die italienischen Steinschneide-Arbeiten nach Rastatt? Was ist dargestellt und wofür diente dieser Raum?

 

Blick ins Florentiner Kabinett, Schloss Favorite, Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ324781)

 

Lustschloss und Jägerlouis

Das Lustschlösschen Favorite in Förch bei Rastatt wurde zwischen 1710 und 1730 nach den Plänen des böhmischen Baumeisters Michael Ludwig Rohrer (16831732) errichtet. Bauherrin war anfangs Markgräfin Augusta Sibylla von Baden-Baden (16751733), später hatte wohl auch der Thronfolger Ludwig Georg Simpert (17021762) zumindest ein kleines Wörtchen mitzureden. Favorite, der bevorzugte Ort der Herrscherin, war ein Ort für Feste, zur Abkühlung und Muse im Sommer und zur ausgiebigen Jagd. Letzteres begeisterte vor allem Ludwig Georg, der bald den Spitznamen Jägerlouis bekam. So viel so gut, doch wie kommt nun die Verbindung zu Italien zustande?

 

Außenfassade Schloss Rastatt Favorite, Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

 

Ehefrauen als Bezahlung

Augusta Sibylla, die auf den Namen Franziska Sibylla Augusta getauft war, und ihre Schwester Anna Maria Franziska (16721741) wurden nach dem Tod ihres Vaters Herzog Julius Franz von Sachsen-Lauenburg (16411689), wie testamentarisch verfügt, unter den Schutz des Kaisers Leopold I. von Habsburg (16401705) gestellt. Was sich jetzt so harmlos anhört, bedeutete allerdings vor allem, dass er die beiden Frauen als Belohnung – man könnte auch sagen als Bezahlung – an seine verdienstvollsten Feldherren verheiraten durfte.

Dafür kamen anfangs vor allem zwei Herren in Frage: Markgraf Ludwig Wilhelm, der Türkenlous genannte Bezwinger der Osmanen bei Slankamen, und dessen Cousin Prinz Eugen von Savoyen (16631736). Ludwig Wilhelm sollte ursprünglich Anna Maria Franziska ehelichen, entschied sich aber doch, angeblich wegen ihrer eher zänkischen Natur, für die jüngere und freundlichere der beiden Schwestern. Die Abgewiesene verweigerte daraufhin die Hochzeit mit Prinz Eugen, der kein regierender Herrscher war und bekam auch tatsächlich Pfalzgraf Philipp Wilhelm von Neuburg (16681693) zum Mann. Dieser verstarb allerdings schon drei Jahre darauf – und immer noch keine Verbindung nach Italien in Sicht …

 

Scagliola-Eidechse im Fußboden, Florentiner Kabinett, Schloss Favorite

Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Foto Arnim Weischer

 

Der Impotente und die Hexe

Die nächste Heirat der Schwester gibt jedoch Antwort: 1697 wurde sie mit Großherzog Gian Gastone de‘ Medici von der Toskana (16711737) vermählt. Endlich hatte man engere Beziehungen zu Italien … und dann kam das Leben dazwischen. Die Ehe der beiden war eine Farce: Sie hatten unterschiedliche Interessen, er Liebesbeziehungen zu Knaben und einen Hang zum Wein – sie bezeichnete ihn als „völlig impotent“, er nannte sie „unmögliche Hexe“. Dass beide Ehepartner wohl einen ausgesprochenen Dickkopf besaßen, verbesserte die Lage nicht wirklich. 1708 trennten sie sich einvernehmlich aber im Streit und lebten danach nie mehr in derselben Stadt. Damit wurde die Dynastie der Medici im Mannesstamme ausgelöscht …

Augusta Sibylla, als regierende Markgräfin mit mehr diplomatischem Feingefühl ausgestattet, hielt dennoch engen Kontakt zu Gian Gastone und besonders zu dessen Schwester Anna Luisa de‘ Medici (16671743) – zum großen Glück für dir Ausstattung der Schlosskirche in Rastatt und des Florentiner Kabinetts im Schoss Favorite.

 

Commesso-Stilleben an der Wand, Florentiner Kabinett, Schloss Favorite

Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Foto Andrea Rachele 

 

La dolce vita

Im Sommer 1719 war Augusta Sibylla persönlich zu einem Besuch des Schwagers und seiner Schwester, die bald eine enge Brieffreundin geworden war, nach Florenz aufgebrochen. Dort besichtigte die Markgräfin unter anderem die Pietre-Dure-Werkstätten in Florenz und die „Guardaroba“, wo schon fertige Commesso-Arbeiten ausgestellt waren und käuflich erworben werden konnten. Einige der 55 Tafeln im Kabinett waren demnach schon fertig, andere ließ sie eigens anfertigen.

Vermutlich inspiriert durch die im deutschen Raum verbreiteten Bilder- und Miniaturenkabinette, forderte Augusta Sibylla auch die Darstellung von Themen, die in Florenz in besagtem Medium keine Rolle spielten: Stillleben. Die Commesso-Tafeln mit Landschaften, religiösen Motiven und Ornamenten waren typisch florentinisch, die Blumenarrangements und vor allem die Darstellung von gedeckten Tischen mit Besteck, Trinkbechern und allerlei kulinarischen Köstlichkeiten waren hingegen eine Verschmelzung des badischen Savoir vivre mit der italienischen Dolce vita …

 

Stillleben mit Karaffe, Käse und Früchten, Commesso-Tafel im Florentiner Kabinett, Schloss Favorite

Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Foto Andrea Rachele

 

Horror vacui

Eine Eigenart vieler Barockbauten ist das Horror vacui – die Angst vor dem leeren Raum. Besonders in der Wandgestaltung galt: Mehr ist mehr! Dementsprechend kombinierte Augusta Sibylla die 55 Commesso-Tafeln mit Bildfeldern in den verschiedensten Materialien und Techniken: Lackpaneele, Glasmalerei, Glasmosaik, Skagliola und Specksteinschnitzereien. 165 Miniaturbildnisse berühmter Künstler sind in Hinterglasmalerei nach Sandrats „Teutschen Academie“ (1675) und Sigmund von Birkens „Spiegel der Ehren“ (1668) an den Wänden angebracht, darunter große historische Persönlichkeiten von der Antike bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts.

Damit der Raum auf keinen Fall zu leer wirkte, wurde sogar der Fußboden mit einer kostbaren, bunt-ornamentierten Skagliola-Schicht (Stuckmarmor) mit eingesetzten Halbedelsteinen und Motiven wie Spielkarten, Schachbrett und kleinen Tieren versehen. Für die Mitte des Raumes wählte die Bauherrin passend, wie sollte es auch anders sein, einen Prunktisch aus den Großherzoglichen Werkstätten in Florenz aus Lindenholz mit eingelegten Pietre Dure, Perlmutt und Stuckmarmor. Drei Tafeln zeigen Hafenlandschaften, die übrigen Bildfelder werden von Vögeln, Blumen und runden Früchten dominiert.

 

Tischplatte mit Steineinlegearbeit, Florentiner Kabinett, Schloss Favorite

Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Foto Andrea Rachele

 

Bildung High End

Doch auch, wenn auf dem Tisch reife, lecker aussehende Früchte gezeigt werden, hat mit Sicherheit nie irgendjemand an diesem gegessen. Vielmehr wird der gesamte Raum zwei Hauptzwecke gehabt haben: Repräsentation und Bildung. Ersteres als Gesamtkunstwerk für den Genuss der Bewohner selbst, für Besucher höheren Ranges oder Gelehrte und Letzteres für die Geschmacks- und Geschichtsbildung des markgräflichen Nachwuchses. Eine Zusammenfassung aus Geschichts- und Kunstgeschichtsbüchern im High-End-Format. So hätte ich während meiner Studienzeit auch gerne gelernt …

Ob zum Betrachten, Bewundern oder zum Lehren und Lernen, dieser Raum ist mit Sicherheit für jeden Besucher, ob groß oder klein, ein wahrer #SchlossGenuss!

 

 

 

Weiterführend zu Augusta Sibylla siehe auch den Blogbeitrag "Die Architekturkopien und -Zitate der Markgräfin Augusta Sibylla von Baden-Baden" vom 19.8.2017.

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Tanja Praske (Montag, 07 Mai 2018 06:17)

    Liebe Iris,

    was für ein famoser Beitrag! Das Herz der Schlösserfrau hüpfte, vor allem auch deshalb, da du so leicht und fluffig fundiertes Wissen mit viel Herzblut formulierst! Fühlte mich sofort an Schleissheims horror vacui erinnert. Auch die Residenz München sah ich wieder vor mir bei deinen Ausführungen.

    Ein tolles Schloss stellst du uns vor. Der Blogparaden-Reigen hat mit dir richtig an Fahrt zugenommen und wir sind mit euch schon quer durch die Republik bis ins Burgenland und nach Sopron gereist!

    Herzlichen Dank fürs Mitgestalten von #SchlossGenuss! Dank der Blogparade lernte ich euren Blog kennen und ich werde wohl häufiger lesend zurückkommen - viel Erfolg euch beiden!

    Herzlich
    Tanja von KULTUR-MUSEUM-TALK

  • #2

    Iris (Montag, 07 Mai 2018 10:18)

    Liebe Tanja,

    vielen Dank! :-) Ich hoffe, dass ich meine eigene Begeisterung für die Kunst und die Geschichte in meinen Beiträgen vermitteln und teilweise übertragen kann. Zur Finanzierung der Promotion habe ich drei Jahrelang als Schlossführerin in der Residenz Rastatt und in Favorite gearbeitet, weshalb mit noch immer gerade diese Schlösser sehr am Herzen liegen.

    Wir freuen uns sehr darüber, dass Du unser Blog magst und wir nun einen begeisterten Leser mehr haben!

    Liebe Grüße Iris

    P.S.: Natürlich auch herzliche Grüße von Pia!

  • #3

    Jens - uwe (Montag, 07 Mai 2018 18:14)

    Fundiertes Wissen mit Leichtigkeit zu beschreiben, auch das ist Kunst. Toll, die Damen!

  • #4

    Claudia Rometsch (Dienstag, 08 Mai 2018)

    Ein wirkliches Schmuckstück, dieses Schloss. Ich werde bei Gelegenheit mal vorbeischauen, wenn ich mal wieder im Süden unterwegs bin. Danke für den Bericht.

  • #5

    Frau von Erl (Freitag, 11 Mai 2018 18:31)

    Ein wirklich lesenswerter Beitrag - #SchlossGenuss pur!