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Gedanken zu Vermittlungsansätzen in Museen

 

Iris Haist

 

Es ist nicht leicht – und darf es auch nicht sein – einen klaren Vermittlungsansatz zu definieren, beziehungsweise sich auf einen einzigen Ansatz festzulegen.

Besonders in den großen kultur- und wissenschaftshistorischen Museen gibt es die verschiedensten Zielgruppen, auf die man unter Umständen in völlig unterschiedlicher Weise eingehen sollte. Während Kinder bis etwa 12 Jahre gerne aktiv in das Vermittlungsprogramm eingebunden werden wollen – malen, basteln oder tanzen wollen – ist das den "Teens" zwischen 13 und 18 Jahren meist peinlich und kann deshalb leichter zu einer Blockade und zu Verweigerungen führen.

 

Die letztgenannte Gruppe fühlt sich vermutlich bei einer frontalen Führung, die mit Witz und Vergleichen zur aktuellen Lebenswelt vorgetragen wird, wohler als mit einer Dialogführung. Diesen schätzen jedoch wiederum oft die Altersgruppen 18+, die Wert auf die Bildung und Äußerung ihrer eigenen Meinung zur Ausstellung und zum präsentierten Thema legen und diese auch äußern und diskutieren können möchten. Nicht-Sehende haben selbstverständlich andere Bedürfnisse als Gehörlose, denn ersteren kann viel über anschauliche Beschreibungen und das Ermöglichen von haptischen Erfahrungen mitgeteilt werden, während letztere eine eher klare und wenig blumige Erklärung zum Beispiel durch Gebärdensprache brauchen und viel über den Sehsinn verarbeiten.

 

Iris beim Nachdenken, Foto: Christian Haist

 

Ziel des Vermittlungsansatzes sollte es immer sein, die in den verschiedenen Situationen im Zentrum stehenden Zielgruppen bestmöglich ansprechen und einbinden zu können. Bei den allermeisten Besuchergruppen scheint der partizipative Ansatz die besten Ergebnisse zu erzielen, doch wie oben beschrieben, sollte man sich das bei jeder Führung, bei jedem Workshop oder Vortrag erneut überlegen. Ein gerade im Trend liegender Ansatz ist das partizipative Kuratieren, das heißt das Realisieren von Ausstellungen, die nicht von den museumsinternen Kuratorinnen oder Kuratoren, sondern von Mitgliedern der bestimmten Zielgruppen bestückt und gestaltet werden. Hier liegt die Vermittlung quasi schon genuin in der Organisation und Umsetzung der Schau. Und das kann den Beteiligten ganz besonders viel Freude bereiten. Der Grundgedanke ist jedoch der, dass sich die Angehörigen der Zielgruppen stärker eingebunden fühlen und deshalb auch lieber und zahlreicher in die Ausstellung gehen. Meiner Meinung kann das gut funktionieren, muss es aber nicht. Denn was dabei zu wenig bedacht wird: Die sogenannten Zielgruppen sind oft extrem heterogen in ihren Interessen und Zugangsweisen und empfinden eben nicht automatisch wie ein anderer „von ihnen“.

 

Zu denken, jedes Kind mag Feuerwehrautos, jede Rollstuhlfahrerin/ jeder Rollstuhlfahrer möchte Fotografien von stufenlosen Gebäuden und jede/  jeder aus Jamaica eine Ausstellung über Bob Marley sehen, ist nicht nur falsch, sondern übergriffig und diskriminierend. Zudem lernt man ja nicht wirklich etwas und erfährt nichts Neues, wenn man keine Fachleute mehr zu Wort kommen lässt, die schließlich auch die neusten Forschungen präsentieren und vermitteln können. Wichtig ist jedoch immer das Einbeziehen möglicher spezieller Bedürfnisse einzelner Zielgruppen wie zum Beispiel unterfahrbare Vitrinen für Rollstuhlfahrer*innen, befühlbare Exponate für Nicht-Sehende, niedrig gehängte Bilder mit bunten Farben für Kinder und in verschiedenen Sprachen verfasste Texte für Nicht-Muttersprachler*innen. Aus diesen Gründen fände ich eine/ einen Inklusionsberater*in oder eine Beratung durch entsprechende Verbände für jede kulturelle Institution ganz besonders sinnvoll.

 

Ein weiterer Punkt ist für mich generell die Frage nach der Bildung beziehungsweise nach der Definition von Zielgruppen. Welche Kriterien legt man sinnvoll zugrunde und welche nicht? Einfach ist dies bei Fremdsprachenführungen, denn hier ist jede/ jeder, der die angebotene Sprache spricht, ganz automatisch Teil der Zielgruppe, unabhängig von Muttersprache oder Herkunftsland. Aber  kann oder darf man etwa eine Führung gezielt für eine Nationalität anbieten und wie sinnvoll ist das tatsächlich? Ich persönlich habe mich besonders über das Format "Kunstbetrachtung für Frauen" in einem großen Museum in Süddeutschland geärgert, denn was genau unterscheidet diese "speziell weibliche" Kunstbetrachtung? Und wer erlaubt sich, das zu entscheiden? Gäbe es entsprechend auch eine "Kunstbetrachtung für Männer", hätte ich vielleicht schon weniger Einwände dagegen gehabt.

 

Für die Außenwirkung, zum Beispiel auf Kolleginnen und Kollegen, auf  die Presse und die Geldgeber, ist es wichtig, für die einzelnen Projekte klar zu vermitteln, welche Zielgruppen angesprochen werden sollen und auf welche Weise. Ein zu hoch gestecktes Ziel wird hierbei schnell als utopisches Konstrukt entlarvt und im schlimmsten Fall weder gefördert noch genügend beworben. Eine Optimierung könnte deshalb schon in der wahrheitsgetreueren Beschreibung der Programme liegen, die den Teilnehmern das Vertrauen an die Kunst- und Kulturvermittlung gibt beziehungsweise zurück gibt. Die Mitarbeiter*innen dieser Abteilung sollten, ebenso wie die Kuratoren*innen, ständig Fortbildungen besuchen, um neue Anregungen zu bekommen. Nur so können die Besucher*innen eines Museums immer wieder aufs Neue gefordert, überrascht und damit begeistert und gebunden werden. Frei nach dem Motto: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit … Und das merken auch die Besucher, die Reporter und die Mitarbeiter selbst.

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Kommentare: 1
  • #1

    Pia (Montag, 13 August 2018 22:05)

    Da gab es mal einen ganz witzigen Film von Christian Jankowsk dazu: "Dienstbesprechung" (2008) im Kunstmuseum Stuttgarti: https://vimeo.com/102414303