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"The Book of Sarah" vs. Rembrandt

Iris Haist

 

Im Januar 2019 besuchte ich den Workshop „(Self-) Documentation, (Self-) Performance and (Self-) Constitution of Gendered Cultural Identities in Comics and Literature“ zu gezeichneten Autobiographien. Dort stellte unter anderem Sarah Lightman ihr neues Buch vor. Und: Überraschenderweise ergaben sich Parallelen zwischen dieser modernen, inspirierenden Frau, ihrem Werk und niemandem anderen als Rembrandt! Aber wer ist Sarah Lightman überhaupt?

 

Sarah Lightman mit ihrem Buch "The Book of Sarah", © Sarah Lightman 

 

Leben & Streben

 

Sarah Lightman stammt aus einer sehr traditionellen jüdischen Familie. Als Mädchen musste sie häufig um ihren selbstbestimmten Platz in der Gesellschaft kämpfen, sich von einigen Traditionen befreien, um andere zu wahren. Auch als schon erwachsene Frau musste sie erst lernen, sich zu emanzipieren und ihren Selbstwert zu finden – daraus resultieren Erfahrungen, die sie in Ihren Werken verarbeitet. Heute verbindet sie ihren Glauben erfolgreich mit einem ausgeprägten Feminismus. Lightman ist Künstlerin, Autorin und Kuratorin mit einer an der Universität in Glasgow eingereichten Promotion über „Dressing Eve and Other Reparative Acts in Women’s Autobiographical Comics“. Sie lebt und arbeitet aktuell in London.

 

Das Leben in Bildern

 

Lightmans erste Graphic Novel ist ihre gezeichnete Lebensgeschichte – ihr Weg in ein freies, selbstbestimmtes Leben – mit dem Titel „The Book of Sarah“ (Myriad Editions 2019). Über Jahrzehnte hinweg zeichnete sie Szenen aus ihrem Leben, bedeutsame Gegenstände und Begegnungen, Gedanken und Zeichen. Nichts war zu unbedeutend, alles was ihr in den Sinn kam, wurde festgehalten wie in einem Tagebuch, nur in Bildern, teilweise um Worte ergänzt. Ein Leben in Bildern. Aber lassen wir sie kurz selbst zu Wort kommen: „My work includes painting narrative portraits, creating a graphic memoir, curating exhibitions on comics and diary drawings, and editing books and journals on Jewish women’s comics.“ Mehr zu ihr und ihrem Buch findet ihr hier!

 

Rembrandt van Rijn, Abraham bewirtet die drei Engel, 1656, Radierung, © Rijksmuseum Amsterdam

 

Rembrandt, Abraham und Sarah

 

Sowohl in ihren künstlerischen als auch in ihren theoretischen Überlegungen waren Rembrandts Radierungen mit Szenen des Alten Testaments immer wieder ein großes Thema – vor allem mit Blick auf den jüdischen Glauben und auf die Rolle der Frau innerhalb der Gesellschaft. Eine seiner Radierungen empfand Lightman als besonders programmatisch für ihren ganz persönlichen Weg: „Abraham bewirtet die drei Engel“ von 1656. Zu sehen sind im Vordergrund den Stammvater Abraham mit drei männlichen Gästen, die sich im Laufe der Geschichte als Engel zu erkennen geben (Gen. 17-18). Rembrandt selbst ließ sich für diese sitzenden Figuren schon von indischen Miniaturen inspirieren – und inspirierte nach ihm andere Künstlerinnen und Künstler. Als zusätzliche Staffagefigur lehnt sich ein Knabe mit einem Bogen über die Brüstung hinter der Gruppe, bei dem es sich vermutlich um Ismael, Abrahams dreizehnjährigen Sohn mit Hagar, handelt. Im Hintergrund steht schließlich Abrahams Ehefrau Sara verschattet in der halb geöffneten Tür des Wohnhauses. Sie verfolgt das Geschehen aus der ihr zugedachten Entfernung.

 

Sarah Lightman, o.T., Zeichnung, Archiv der Künstlerin, © Sarah Lightman

 

"Sarah, Sarah, come out of the shadows"

 

Eine von Sarah Lightman mit Bleistift gezeichnete Version dieses Rembrandt-Motivs zeigt anstelle einer neugierigen, eine eher grimmig dreinschauende Sara – Namensvetterin und in diesem Fall Identifikationsfigur der Zeichnerin. In ihrem Buch ergänzt sie das Motiv mit folgendem Zweizeiler: „Sarah, Sarah, come out of the shadows. / This is your life. This is your time.“ (dt.: Sarah, Sarah, komm aus dem Schatten hervor. / Es ist dein Leben. Es ist deine Zeit.“) Auch in ihrer Dissertation behandelte Lightman eben jenes Motiv als übergreifend gültiges Paradigma für viele Akteurinnen des Alten Testaments. In ihren Texten und Vorträgen ruft sie mit Bildern wie diesem Frauen jeglicher Herkunft und jeglichen Glaubens dazu auf, aus dem Dunklen herauszutreten, sichtbar zu werden, ihren Weg zu finden und diesen erhobenen Hauptes zu gehen.

 

Dieser Artikel erschien erstmals in leicht abweichender Form am 29.05.2019 auf INSIDE REMBRANDT 1606-1669, dem Blog zur Ausstellung, unter dem Titel Rembrandt & "The Book of Sarah". Den ursprünglichen Text findet ihr hier.

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Kommentare: 1
  • #1

    Beate Haist (Mittwoch, 22 Januar 2020 10:17)

    Eine interessante Frau und auch mal wieder gut geschrieben.