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Kunst im Dialog: Fleisch, Fleisch, Baby!

 

Iris: Hey Pia, hatten wir nicht gesagt, dass wir ab und zu statt eines normalen Blogbeitrags einen Dialog –  ein kurzes Streitgespräch – veröffentlichen? Hast du eine Idee für ein Thema? Was sagst du, wenn ich sage: "Ist das Kunst oder kann das weg? Heute..."?

 

Pia: Rohes Fleisch!

 

Iris: Ihhh, was??? Wie die Künstlerin, die das Kleid aus Fleisch im Lehmbruck Museum genäht hat? Wie hieß die noch gleich?

 

Pia: Jana Sterbak. [„Jana Sterbak. Life Size. Lebensgröße", 11. März – 11. Juni 2017]

 

Iris: Ich hab das noch nicht ganz kapiert... Was sollte das?

 

Pia: Was soll ich sagen? Gesalzene Fleischlappen, die langsam vertrocknen. Das Ding hat auch einen Namen - "Vanitas: Flesh Dress for an Albino Anorectic" - und wurde seit seinem ersten Auftritt, das war 1987 in der Galerie Rene Blouin in Montreal, wiederholt zum besten gegeben. Also jedes Mal neue „Fleischkleider“, die langsam verledern.

 

Iris: Passt ja irgendwie zu unserer Zeit... Was die Leute anekelt, das macht Schlagzahlen. Warum würde sonst irgendjemand ein Buch wie „Feuchtgebiete“ lesen…? Aber was? Schon so lange? Dann ist es ja nicht mal mehr innovativ. Ausgelutschte Sache!

 

Pia: Aber nicht doch! Unser Körper, unser abstraktifizierter Körper (denn auch an Kleiderständern hat man das Fleischkleid schon hängen sehen) und wie und mit was wir ihn bedecken - mein Gott, wie aktuell willst Du es haben?

 

Iris: Lady Gaga hat die Idee 2010 geklaut und bei den MTV Video Music Awards in aller Öffentlichkeit auf die Spitze getrieben. Mehr geht einfach nicht. Okay, es ist dieses Jahrtausend... Körper kann man auch anders thematisieren. Und die Steaks sollte man lieber essen... Finde ich jedenfalls.

 

Falls es um Vergänglichkeit geht, könnte man vielleicht andere Vanitassymbole verwenden: Blumen, Spiegel, Kerzen - oder sogar Knochen? Die riechen jedenfalls im Sommer nicht so stark.

 

Pia: Blumen verdröseln, Kerzen brennen runter, Knochen bleiben, was sie sind. Aber Fleisch ...  –  sofern richtig behandelt – das verwandelt sich. Das wird zäh, fest, schrumpelig. Und kann einen immer noch ernähren. Je länger ich drüber nachdenke, desto angetaner bin ich.

 

Iris: Okay. Jetzt sehe ich den Sinn dahinter. Transformation. Vorher dachte ich, man hätte ja wegen des Sinngehalts von Fleisch als Fruchtbarkeits- und Vergänglichkeitssymbol auch etwas nehmen können, das einfach nur aussieht wie Fleisch. Trotzdem werde ich wohl kein Fan davon…

 

Pia: Apropos Fan: Warst Du nicht immer ein großer Beuys-Verehrer? Der hat ja auch immer gerne mit unkonventionellen Materialien gearbeitet, mit Fett(-Ecken) zum Beispiel. Kommst Du damit besser klar?

 

Iris: Absolut!!! Fett ist eben auch ein Symbol für Energie, für Leben. Es ist ein Abfallprodukt, für das man nicht extra schlachten muss und irgendwie finde ich es nicht so eklig, hmmm, wieso eigentlich nicht? Gute Frage. Und Beuys ist wirklich eine ganz andere Nummer. Immerhin ist er für Generationen von Künstlern zur Inspiration und zum Vorbild geworden. Das muss die Fleisch-Dame erstmal schaffen.

Wenn wir jetzt aber auch mal einen Blick auf gemaltes Fleisch werfen, das ja oft genug in den Museen hängt, wie etwa Rembrandts Ochsen, dann fällt mir auch Francis Bacon ein. Du hast dich während der großen Ausstellung 2016 in der Staatsgalerie Stuttgart eingehend mit ihm beschäftigt. Er hat doch auch Fleisch gemalt... wenn ich mich richtig erinnere.

 

Pia: Haha, yes, he did! Er war besessen von der Idee und verstieg sich zu Aussagen wie "Wir sind doch alle nur wandelnde Kadaver" oder er fragte sich, im Schlachthaus stehend, warum nicht er selbst dort von der Decke hinge. „Carcass of Meat and Bird of Prey" (1984), ein tolles Bild auf beigem Grund, kam diesem Einfall ziemlich nahe. Sie war schon verrückt, diese Idee mit dem Fleisch, aber sehr systematisch durchdacht.

 

Iris: Ah ja, richtig! So war das. Aber mir persönlich haben die amorphen bunten Gebilde oder seine gespaltenen Porträts besser in den Kram gepasst, als dieses Gefuchtel mit dem rohen Fleisch. Ich habe es damals bei Führungen immer damit verteidigt, dass Kunst nicht gefällig sein darf, weil man es sonst zu schnell vergisst. Aber von mir aus hätte er es auch lassen können. Magst du die ganze Fleisch-Kunst-Sache vielleicht auch wegen der Farbe, die hier meist im Vordergrund steht? Rot für das Leben, die Liebe, die Aggressivität und die Wollust?

 

Pia: Nö, Farbe interessiert mich nicht so sehr aufgrund möglicher metaphorischer Sinngehalte. Natürlich hatte Bacon ein wunderbares Gespür für Farbkombinationen und er konnte sein Fleisch in herrlichen Nuancen zur Schau stellen. Aber Farbe war bei Bacon vor allem die Materie, das Material, das er an einigen Stellen besonders dick auftrug oder sogar auf die Leinwand schleuderte.

Aber ich sehʼ langsam rot, was die Länge unseres Kurz-Talks betrifft.

 

Iris: Gut. Beenden wir das Ganze jetzt am besten mit einem nicht-veganen Lesetipp: Zwei Frauen in den USA haben tatsächlich ein Magazin für Fleisch und Kultur herausgegeben. Es heißt "Meatpaper". Und das ist ernst gemeint...

 

Pia: Iris, ich zieh' mir jetzt ne Beefy rein. Mach's gut und bis zum nächsten Mal ...

 

 

Nachklapp: Wer noch mehr Appetit auf das Thema hat, kann sich gerne den neu erschienenen Essay "Be-Schichten. Fiktion und Realität in den Arbeiten von Heide Hatry"  zu Gemüte führen, publiziert im Ejournal Kunstgeschichte: http://www.kunstgeschichte-ejournal.net/513/

 

Comiczeichnung "Fleischkleid", 2017 ©Iris Haist

Foto ©Christian Schmid

 

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