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Wasser, Wasserfarben, Wasserränder

 

Pia Littmann

 

Um die 8000 Aquarelle hat Emil Nolde (1867–1956) geschaffen. Viele davon zeigen das Meer und den Himmel in unterschiedlichen Wetterlagen und Lichtsituationen. 53 Blätter dieses Themas sind noch bis zum 6. Januar 2019 im Museum Kunst der Westküste ausgestellt. Und eines davon beschäftigt mich speziell in diesem Beitrag.

William Turner hat mit seinen atmosphärisch dichten (Wasser-)Landschaften Bemerkens­wertes in dieser Technik geschaffen, Wassily Kandinsky – um dies einmal in aller Kürze zusammen-zuschalten – gar die als erste abstrakte Bilder überhaupt geltenden Kompositionen: Klangvoll anmutende Gebilde aus Linien und farbigen Flächen. Und Nolde, der als gelernter Möbelschnitzer eigentlich von der Linie kommt, liegt wohl irgendwo dazwischen. Allein mit der Fülle seiner Aquarelle hat er eine außergewöhnliche Position inne. Wobei: Was genau heißt „Aquarell“ bei Nolde?

 

 

Emil Nolde, Meer mit vier kleinen Dampfern, St. Peter 1946, Aquarell, 22,6 x 28 cm, Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, Dirk Dunkelberg, Berlin

 

Seine zweite Ehefrau berichtet 1953 über die Arbeitsweise ihres Mannes und erwähnt dabei Tempera­farben, die er gerne benutzt habe.[1] Auch Jutta Keddies aus restauratorischer Perspektive verfasstem, jüngst erschienenem Text entnimmt man, dass Nolde die stark wasserlöslichen Aquarellfarben häufig mit anderen Malfarben kombiniert hat: Neben den deckenderen Tempera- oder Gouachefarben gehörten auch Tinten und Tuschen dazu.[2]

Wenn einer nun – sagen wir im Wesentlichen mit Aquarellfarben – wieder und wieder Meeresbilder malt (weiß Gott hat Nolde auch andere Landschaften, nicht zuletzt zahllose Blumenbilder, Phantasiegeschöpfe oder Porträts in Aquarell gemalt) wird man zweierlei erwarten dürfen: Mannigfaltige Variationen in der Kombination der Elemente. Und mannigfaltige Variationen in der Kombination von Flächen und Linien. Dabei scheint Nolde einige Kombinationsmethoden durchzuspielen.

In vielen seiner Blätter wird das Wasser mit waagerechten, oft energischen Linien durchstrukturiert. Dieser Bereich unterscheidet sich deutlich von der „ephemereren“ Materialität der Luft und auch wurde er wohl zuletzt aufgetragen. In anderen Fällen erhalten Himmel und Meer – oder Meer und Himmel – eine eher einheitliche Kolorierung. Trifft dies zu, setzt der Maler gerne eine dunkle Horizontlinie nachträglich auf das Blatt – nur um diese Trennung durch Lichtspiegelungen oder dergleichen wieder zu entkräften.

Das scheint er meistens so gemacht zu haben. Aber nicht immer. Jedenfalls in Bezug auf die Elemente selbst ist die Komposition in „Meer mit vier kleinen Dampfern“ bruchlos: Meer und Himmel werden in dieser späten Schöpfung aus dem Jahr 1946 wie in einer einzigen Bewegung dargestellt. Und doch wird uns ein vielschichtiger Raum dargeboten.

Da breiten sich die dunkelblauen oder lila Wolken der schemenhaften Dampfer unaufhaltsam in das in zarten Gelb- und Rosatönen kolorierte Wasser-Himmel-Kontinuum aus – und geben diesem so zugleich Struktur und Tiefe: Die kräftig-dunklen Wolkenbälle vorne rechts im Bild wirken näher und stofflicher als die sich weiter nach oben hin ausdünnenden Schwaden. Die insgesamt blasseren, blau-rötlichen Farbschwaden auf der linken Seite folgen diesem Rhythmus in abgeschwächter, gleichwohl paralleler Ausrichtung.

Vor dem hellen Bildgrund kommen auch die dunkleren, teilweise mehrfach übereinander liegenden Wasserränder, in denen sich die Farbpigmente verdichtet haben, bestens zur Geltung. Besonders auf der rechten Bildseite, wo die drei Dampfer ihrem Namen alle Ehre machen, verleihen sie der Komposition eine scheinbar lichterfüllte, vibrierende Voluminosität.

Doch zoomen wir uns wieder aus dem Bild heraus, treten einen Schritt zurück und machen uns auf zu neuen Meeresbildern, Lichtimpressionen, Farbexplosionen. Wir haben noch einige Blätter vor uns ...

 

 


[1] Jolanthe Nolde: Beim Malen zugeschaut, in: Astrid Becker u. Christian Ring / Nolde Stiftung Seebüll: Emil Nolde. Glühender Farbenrausch – Aquarelle, Köln 2018, S. 189–194.

[2] Jutta Keddies: Materiatechnische und restauratorische Einblicke in die Aquarelle von Emil Nolde, in: Ebd., S. 189–194.

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